Von der Liebe

*

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,

sind ihre Wege auch schwer und steil.

Und wenn ihre Flügel dich umhüllen,

gib dich ihr hin.

Auch wenn das unterm Gefieder

versteckte Schwert dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht,

 glaube an sie,

auch wenn ihre Stimme deine Träume

zerschmettern kann wie der Nordwind

den Garten verwüstetet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt,

kreuzigt sie dich.

So wie sie dich wachsen lässt,

beschneidet sie dich.

So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen

und die zartesten Zweige liebkost,

die in der Sonne zittern,

steigt sie hinab zu deinen Wurzeln

und erschüttert sie

in Ihrer Erdgebundenheit.

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.

Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.

 Sie siebt dich, um dich

von deiner Spreu zu befreien.

Sie mahlt dich, bis du weiß bist.

sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;

Und weiht sie dich ihrem heiligem Feuer,

damit du heiliges Brot wirst

für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen,

damit du die Geheimnisse deines Herzens

kennenlernst und in diesem Wissen

ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

Aber wenn du in deiner Angst

nur die Ruhe und die Lust

der Liebe suchst,

 dann ist es besser für dich,

deine Nacktheit zu bedecken

und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.

 In die Welt ohne Jahreszeiten,

wo du lachen wirst,

aber nicht dein ganzes Lachen,

und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst

nimmt nichts als von sich selbst.

Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;

Denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht, du kannst

den Lauf der Liebe lenken,

denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält,

lenkt deinen Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch,

als sich zu erfüllen.

Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt,

sollst du dir dies wünschen:

Zu schmelzen und

wie ein plätschernder Bach zu sein,

der seine Melodie der Nacht singt.

Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.

Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;

Und willig und freudig zu bluten.

Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen

zu erwachen und für einen weiteren Tag

des Liebens dankzusagen;

Zur Mittagszeit zu ruhen

und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;

Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;

Und dann einzuschlafen mit einem Gebet

für den Geliebten im Herzen

einem Lobgesang auf den Lippen.

*

Khalil Gibran

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