Selbsterkenntnis

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*

Ein Mann bat:

Sprich uns von

der Selbsterkenntnis.

Und er sprach:

Eure Herzen wissen,

ohne etwas zu sagen,

um die Geheimnisse

der Tage und der Nächte.

Doch eure Ohren dürsten

nach dem stummen Wissen

eurer Herzen.

Ihr wollt in Worten wissen,

was ihr unausgesprochen

schon immer wisst.

Ihr wollt mit Fingern

an die Nacktheit

eurer Träume rühren.

So soll es sein!

Der verborgene Urquell

muss aus eurer Seele

empor dringen

und murmelnd

dem Meere zufließen.

Die Schätze

eurer tiefsten Tiefe

würden euch dann

offenbar.

Doch legt eure

unerkannten Schätze

nicht auf die Waage

und lotet die Tiefen

eurer Erkenntnis

nicht mit allen Mitteln aus!

Denn das Ich

ist wie ein Meer,

unendlich weit

und unergründlich.

Sagt nicht:

„Ich habe

die Wahrheit gefunden“,

sagt vielmehr:

„Ich habe

eine Wahrheit gefunden“.

Sagt nicht:

„Ich habe den Weg

der Seele entdeckt“,

sagt vielmehr:

“Ich bin der Seele begegnet,

als sie auf meinem Wege ging“.

Denn die Seele wandelt

auf allen Pfaden.

Die Seele schreitet nicht

in eine Richtung,

noch wächst sie

wie ein Schilfrohr.

Die Seele entfaltet sich

wie eine Lotosblume

aus Blütenblättern

ohne Zahl.

*

Khalil Gibran

Aus der Sammlung

“Der Prophet”

*

Quelle Foto

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