17* Die Tür zur Musik

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Die Tür zur Musik war heute ein großer Eingang in eine Kirchenhalle. Ein ehrwürdiger Ort, um engelsgleichen Kinderchören und einem begabten Jungorchester zu lauschen. Im festlich erleuchteten Ambiente für dieses stimmungsvolle Weihnachtskonzert saß ich in einer der hinteren Reihen. Zu sehen gab es für mich hauptsächlich Köpfe, und darüber hinweg ansatzweise das musikalische Geschehen. Viel Theater wurde hier nicht gemacht.
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Also schloss ich die Augen, während die jungen Musiker die „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ anstimmten, schon erhob mich der Klang, wirbelte mich herum, ließ mich selbst die Geige spielen, um schon im nächsten Moment die Glocken erklingen zu lassen, ich tanzte und spielte und tanzte und spielte… Zauberhaft habt ihr das gemacht, ganz mitgenommen habt ihr mich!
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Welch ein Geschenk an diesem Abend, wurde doch Cantique de Noel (Oh holy night) in zwei Versionen aufgeführt. So ging es Stück um Stück leider viel zu schnell dem Ende zu. Zum Glück klingt alles noch nach.
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Wenn in der Welt alles in einer, wenn auch für uns vielleicht nicht offensichtlichen, Harmonie klingt, wenn alles im Gleichgewicht ist, wie große Mystiker sagen, für welche Mißklänge war dieses Konzert dann der Ausgleich? Wenn ich mich erinnere, wie erschütternd der Knall war vom 11. September, – und jeder wird genau wissen, wo er sich zu dieser Zeit aufhielt, als die beiden Türme in Amerika fielen, so konnte nur eine liebende Stimme wie Enya Trost spenden, den Ausgleich schaffen und beruhigend wirken. Sie war es, die mit ihrer Musik überall in den Tagen danach präsent war.
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Auch erinnere ich mich an einen fürchterlichen Streit zwischen einem Paar in der Nachbarwohnung damals in Hamburg. Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich die Polizei hole oder…
Spontan fing ich an zu singen, laut, wohl auch nicht ganz unschief, aber auf jeden Fall laut, das schönste Liebeslied, was ich damals kannte. Es war mitten in der Nacht. Mir war nicht bewusst, dass vielleicht sogar deshalb die Polizei vor meiner Wohnung stehen könnte… Aber tatsächlich war es so, dass das Paar sich wahrscheinlich verdutzt anschaute, und sie hörten auf zu streiten. Ich sang vorsichtshalber noch das Lied zuende. Dann kehrte Ruhe ein.
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Mit klopfendem Herzen habe ich damals begriffen, dass es sich lohnt, seinem Herzen zu folgen, so ungewöhnlich der Impuls auch ist. Welche Macht Klang hat, im Großen wie im Kleinen. Und ist es nicht immer wieder zum Dahinschmelzen, wenn Babies durch eine Singsangstimme aufhören zu weinen? Oder wie beruhigend der eigene Klang auf den Körper wirkt, wenn die Töne vibrierend immer tiefer in den Bauch rutschen. Beim Chanten gibt es für Teilnehmer in der Klinik immer wieder diesen Schlüsselmoment, in dem eine innere Öffnung und Aufrichtung stattfindet, es ist einfach wundervoll zu beobachten. Die Heilkraft der Musik ist unermesslich groß.
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Zum Ausklang des Tages folge ich nun dem Ruf in die Stille.
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Text 2015 © Simone Richter

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