07* Die Tür zur Verletzlichkeit

 

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Es ist vielen nicht bewusst, wenn sie zum Arzt gehen, um von ihrer Verletzung zu berichten und Maßnahmen zur Linderung erwarten, dass sie im eigentlichem Sinne zum Ausdruck bringen: „Schauen sie sich das einmal an, was ich mir selbst angetan habe. Dafür habe ich das und das getan, damit ich jetzt in diesem Zustand bin. Ich brauche ihre Aufmerksamkeit, weil ich mich sonst so alleine fühle mit dem Grund, weshalb ich das jetzt so erlebe. Ich wusste mir nicht anders zu helfen. Den Grund kenne ich zwar, aber ich wollte ihn nicht wahrhaben. Nun ist mein Leiden größer und somit wichtig geworden. Was kann ICH tun, damit es mir wieder besser geht und wie kann ICH die Kraft aufbringen, den wahren Grund anzunehmen und heilen?“ Schön wäre es ja. Die Verletzung und somit auch die dahinterstehende Verletzlichkeit ist offensichtlich, die Warteräume der Praxen, sei es beim Arzt, in der Physiotherapie, beim Heilpraktiker, in Psychotherapiepraxen oder in Beratungsstellen, sind voll, es gibt lange Wartelisten… Und die meisten warten. Warten darauf, dass jemand den Trost ausspricht, den Kummer lindert, der erst alles in Gang gesetzt hat.

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Ich gehe durch diese Tür der Verletzlichkeit. Oft. Es ist mein Arbeitsplatz. Hier ist viel Freundlichkeit und Zugewandtheit, Trost und Akzeptanz für die vielen menschlichen Verletzlichkeiten, hier kommt man gerne hin, um sich davon etwas zwischenmenschliche Fürsorge abzuholen. Zu den Kindern sagen wir oft: Komm doch morgen mal wieder vorbei und sag uns Hallo! Sie kommen sehr gerne, und auf einmal brauchen sie keine Beule am Kopf mehr fürs Vorbeikommen. Ist es nicht traurig, wenn Kinder schon in so jungen Jahren durch Verletzungen Aufmerksamkeit erhalten wollen, jemand, der sich dann – endlich – kümmert? Da gibt es leider einige.

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Wie hilfreich ist es, sich als Erwachsener daran zurück erinnern zu können, dass es damals jemanden gab, der in der eigenen Verletzlichkeit zur Seite stand, mit liebevollem Blick einen so in seinem ganzen Schmerz annahm, wie es war, ohne Sätze wie: „Stell dich nicht so an.“ „Jetzt heul doch nicht.“ „ So schlimm war das doch nicht.“ Der Schmerz durfte sein, er wurde gesehen und genau deshalb war dann alles nur noch halb so schlimm.

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Wenn ich heute um die Kraft der Selbstheilung weiß, dass ich mich in meiner Verletzlichkeit, die ich als Kind damals erlebt habe, annehmen kann, gedanklich mich selbst in den Arm nehmen und trösten kann, so wertvoll ist mir dann der Gedanke daran, dass ich schon jetzt in meiner Verletzlichkeit und mit der Weisheit der Frau, die ich sein werde, angenommen bin.

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Jetzt.

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Text 2015 © Simone Richter

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