06* Die Tür zur Verwandlung

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Einer der schönsten Tage in der Vorweihnachtszeit ist für mich der, an dem die vielen kleinen und größeren Geheimnisse hergestellt werden, sei es gemalt, geschrieben, gehäkelt, gestrickt, eingekocht, gebastelt oder gewerkelt und vor allem gebacken. Ein Duftpotpourri aus Vanille, Zimt und Lebkuchen liegt nun folgenschwer in der Luft. Mit jedem Male, an dem ich die Tür zum Backofen, dem Ort der Verwandlung, öffnete, gab es einen Nachschub an Vorfreude.

Irgendwie bin ich völlig high nach diesem Küchenzauber. Die Wangen glühen von der ganzen Hitze. Schon jetzt selig wie ein Christkind, dass alles rechtzeitig fertig ist, was es an guten Gaben zu verschenken gibt, werde ich mir noch ein Brot nach alter Tradition meiner Oma backen.

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Dieses Brot ist ein ganz besonderes, nicht, weil es nach einer geheimen Rezeptur hergestellt wird, sondern durch die Art und Weise des Backens und weil es einfach schön ist, den Geist der Ahnen weiterzutragen.

Dazu stelle man einen Brotteig nach eigenem Gusto her, lasse ihn gehen, um ihn dann von Hand zu kneten und zu formen. Das ganze ist ein Ritual, in dem von Anfang an bis zum Ende die Achtsamkeit fokussiert werden muss – auf den Wunsch, der in Erfüllung gehen soll.

In diesen Brotlaib wird ein rohes Ei mit Schale eingearbeitet, das zuvor natürlich gut gewaschen wurde. Dieses Ei ist nach der Fertigstellung der Indikator, ob der Wunsch in Erfüllung gehen wird. Ist es hart – Herzlichen Glückwunsch! Alles andere weist auf die Halbherzigkeit des Wunsches hin oder darauf, dass es im Verlauf Unstimmigkeiten gegeben hat. Eine kleine Orakel-Spielerei mal so nebenbei. Mal sehen, was mein Ü-Ei sagen wird.

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Ja, das war jetzt noch einmal ein ganz anderes Erleben des Backens. In jedem einzelnen Schritt offenbaren sich Lösungen für derzeit andere Aufgaben. Lasse ich los, kommt die Antwort flugs auf anderen Wegen. Welche Zutaten braucht es? In welcher Menge? Wann wird was wie verarbeitet? Heute erkenne ich, wie wichtig eine Ruhezeit vor dem eigentlichen Backen bzw. vor der Verwandlung einer Aufgabe ist. Es ist die Zeit, in der ich innehalten und das Ganze vertrauensvoll sich selbst überlassen kann, eine Zeit, in der alles bereits miteinander wirkt. Wenn alles stimmig ist, beginnt die Verwandlung durch das Feuerelement.

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Nicht nur der Teig ist verwandelt, gefühlt bin auch ich es. Eine tiefe innere Zufriedenheit ist der Lohn an diesem Tag, an dem ich die Tür zur Verwandlung öffnete.

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Text 2015 © Simone Richter

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