01* Die Tür zum Selbst

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Meine Wohnungstür. Sie ist von beiden Seiten zu öffnen. Und nur ich habe einen Schlüssel. Öffne ich sie, betrete ich mein Innerstes, mein Refugium, mein Nest, mein Revier. Ich lasse mich selbst zu mir herein. „Willkommen“ steht an der Tür, ein Weihnachtsengel lacht mich an. Hier bin ich freundlich begrüßt. Ich heiße mich selbst willkommen in meiner eigenen Welt. Wenn ich hinein gehe, bin ich niemals der Mensch, der ich zuvor war, als ich heraus ging. Das habe ich immer geglaubt, aber wie viele Begegnungen außerhalb haben dazu beigetragen, mich selbst neu wahrzunehmen? Was nehme ich mit von allen Begegnungen im Außen? Was trage ich zu mir herein, was beschäftigt mich gedanklich weiter? Welche Lösung bringe ich mit? Was erkenne ich auf einmal sofort, wenn ich einen Blick darauf werfe?

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In Erinnerung öffne ich gerade meine Ausbildungswohnungstür im Schwesternwohnheim. Dort sahen alle Türen auf den ersten Blick gleich aus. Aber wie spannend ist es , wenn diese Türen sich öffnen und den Blick auf die Individualität freigeben. Im Kleinen kann dies auch an der Tür selbst schon erkannt werden, welche Persönlichkeit zur Zeit wo wohnt. Die Türen von Frauen sind meist mit Kränzen, Blumen oder anderen dekorativen Schönheiten wie mein Alljahresweihnachtsengel geschmückt, die der Männer höchstens mit Sprüchestickern oder Fußballfahnen. Wahrscheinlich hat sich daran nichts geändert.

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Meine Wohnungstür, Grenze zwischen Innen und Außen, – eine ganz besondere Tür in meinem Leben. Diese ist, wie so manche zuvor, eine fleißig frequentierte Lebensabschnittswohnungstür.

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Text 2015 © Simone Richter

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